Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des geschrieben
Überlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in
demselben wirkliche Lücken, Schreibfehler, die eine Lücke im Sinne
machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu tadeln sein mag.
Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte, die Vergleichung
derselben bewirkt immer mehr, das Verständige und Vernünftige der
Überlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt von
seinem innern Sinn, dass derselbe ohne äußere Hilfsmittel die
Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen
wisse. Weil nun hiezu ein besonderer Takt, eine besondere Vertiefung
in seinen abgeschiedenen Autor nötig und ein gewisser Grad von
Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem Philologen nicht
verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssagen zutraut,
welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.
-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1249